“War stets bemüht” – Arbeitszeugnisse verstehen

Arbeitszeugnisse sind ein wichtiges Werkzeug, um passende Mitarbeiterinnen für die richtige Aufgabe zu finden. Die dabei verwendete Geheimsprache muss erst entschlüsselt werden.

Information Arbeitszeugnis
© Springer Wien

„Frau Müller interessierte sich sehr für ihre Arbeit und war immer pünktlich.“ Was in der normalen Konversation durchaus verheißungsvoll klingt, heißt im Klartext: Frau Müller versuchte, sich in ihren Aufgabenbereich einzuarbeiten, es gelang ihr aber leidlich. Und sie kam um 8.00 Uhr und ging um Punkt 16.00 Uhr, egal, was zu tun war. Diese Codes für Arbeitszeugnisse haben sich entwickelt, weil jeder Mitarbeiter ein Recht auf ein "wohlwollendes" Zeugnis hat. Alles andere könnte den Arbeitnehmenden die Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz verbauen und wäre somit vor jedem Arbeitsgericht mit großen Erfolgsaussichten angreifbar. Personalmanager verstecken ihre Kritik unter harmlosen Formulierungen. Dabei gibt es keine absolut gültigen Vorgaben. Aber es hilft, wenn ein Sensorium für verklausulierte Schreibweisen entwickelt wird.

Wichtige Formalie
Was muss das Arbeitszeugnis beinhalten?

Ein Arbeits- oder Dienstzeugnis ist eine vom Arbeitgeber ausgestellte Urkunde, in der die Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie die Art der Tätigkeit der Arbeitnehmenden bestätigt werden. Die Zeugnisse sind ein Nachweis über zurückliegende Angestelltenverhältnisse. Es liefert künftigen Arbeitgebern Informationen über die Qualifikation des Bewerbers und ist daher im Rahmen eines Bewerbungsprozesses ein wichtiger Teil der Bewerbungsmappe.

Die Grundbenotung

Wenn sich Ordinationsinhaberinnen und -inhaber durch einen ganzen Stapel von Lebensläufen und Arbeitszeugnissen durcharbeiten, suchen sie zuerst nach der Gesamtnote. Diese versteckt sich in der Formulierung über die Zufriedenheit mit der Arbeitsleistung. Selbst wenn es Abweichungen gibt, so übersetzen Insider bestimmte Formulierungen nach gleichbleibenden Mustern:

  • "Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" - sehr gut
  • "Stets zu unserer vollen Zufriedenheit" - gut
  • "Stets zu unserer Zufriedenheit / Zu unserer vollen Zufriedenheit" - befriedigend
  • "Zu unserer Zufriedenheit" - ausreichend
  • "Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" - mangelhaft
  • "Stets zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht" - ungenügend

Für die weitere Decodierung der Zeugnissprache haben sich Techniken etabliert, die helfen, den Dingen auf den Grund zu kommen.

Die Leerstellentechnik:

Auf eine zu erwartende Aussage wird verzichtet, z.B. „Das Verhalten gegenüber Kollegen war einwandfrei". Hier fehlen die Vorgesetzten, denen gegenüber das Verhalten durch Nichterwähnung bemängelt wird.

Die Negationstechnik:

Während im normalen Sprachgebrauch eine doppelte Verneinung die Aussage verstärkt (z.B. „nicht unerheblich" = wichtig), bewirkt sie in der Zeugnissprache eine Abwertung. Gab das Verhalten eines Beurteilten beispielsweise „keinen Anlass zu Beanstandungen", dann war es nicht unbedingt lobenswert.

Die Passivierungstechnik:

Aussagen wie „Aufgaben, die ihm übertragen wurden, führte er zielstrebig aus" verweisen auf mangelnde Eigeninitiative.

Die Ausweich-Technik:

Unwichtiges und Selbstverständliches wird gegenüber den wirklich wichtigen Aussagen hervorgehoben, etwa die „vorbildliche Pünktlichkeit“ eines Managers.

Die Widerspruchstechnik:

Wenn Zeugnisaussagen im Widerspruch zueinander stehen, verstärkt dies die negative Tendenz des Schreibens. Wenn einer Mitarbeiterin sehr gute Leistungen bescheinigt werden, der Zeugnisaussteller ihm aber weder dankt noch sein Ausscheiden bedauert, ist das widersprüchliche Zeugnis vermutlich Ergebnis einer Nachverhandlung, bei der nicht alle wesentlichen Aussagen aufgewertet oder ergänzt wurden.

Beispiele für kryptische Bewertungen

Die Reihenfolge macht's

In einem qualifizierten Arbeitszeugnis folgen nach Angaben zur Person und zum Eintritt in die Firma ein paar Zeilen über das Unternehmen, die Position des Mitarbeiters und seine Aufgaben. Dem schließt sich in der Regel die Beurteilung der Fachkenntnisse, der Erfüllung der Zuordnungen und des Verhaltens gegenüber Vorgesetzen, Kollegen und gegebenenfalls Patienten an. Skepsis ist angebracht, wenn der Aufbau des Zeugnisses von dieser Reihenfolge abweicht. Wird beispielsweise das Verhalten vor der Arbeitsleistung beurteilt, lässt dies darauf schließen, dass die Mitarbeiterin zwar eine verträgliche Kollegin war, ihre Leistungen aber als eher dürftig eingeschätzt wurden.

Sympathie muss passen

Die Bewertung der Arbeitszeugnisse spielt eine wichtige Rolle in der Selektion der Bewerbungen. Wie nachhaltig sich eine Mitarbeitersuche entwickelt, hängt in der Folgephase aber immer von der Jobbeschreibung, der mitgebrachten Kompetenzen und dem Gespür von Arzt und Ärztin ab. Ohne Sympathien wird der Mikrokosmos Ordination nicht funktionieren.

Autor: Mag. Josef Ruhaltinger