Neurodermitis: Warum Handlungsbedarf besteht

Julia Fuchs
Julia Fuchs,
Medical Head Immunologie

Im Sommer leiden Neurodermitispatient*innen besonders: Hitze und Schweiß verschlimmern den quälenden Juckreiz und beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen erheblich. Neurodermitis, auch atopische Dermatitis genannt, ist die derzeit häufigste chronisch-entzündliche Hautkrankheit. Nichtsdestotrotz erhält sie noch viel zu wenig Beachtung.

Mehr Erkrankungen durch Umweltbelastung

In Österreich leben aktuell rund 180.000 Menschen mit der Diagnose Neurodermitis, Tendenz steigend.1 In den vergangenen Jahrzehnten tritt die quälende Hauterkrankung – so wie die damit verwandten Erkrankungen Bronchialasthma und chronische Nasennebenhöhlenentzündung – immer häufiger auf. Es wird vermutet, dass Umweltbelastungen und Hygienefaktoren Neurodermitis fördern.2 Nicht nur aus Sicht der Betroffenen, sondern auch aus gesundheitspolitischer Sicht ist es daher wichtig, Awareness für die Krankheit zu schaffen. Wir müssen ihre Ursachen noch besser erforschen und wirksame Therapien (weiter)entwickeln.

Vom Juckreiz zur Depression

Die Diagnose bedeutet für die Betroffenen eine beträchtliche Einschränkung ihrer Lebensqualität, und zwar oft dauerhaft. Denn bislang ist Neurodermitis nicht heilbar. Sie kann chronisch anhalten oder schubweise verlaufen. Neben einem teils unerträglichen Juckreiz haben Patient*innen mit trockener Haut, Flecken, Ausschlägen und Schmerzen zu kämpfen. Das kann auch zu schlaflosen Nächten führen. Neurodermitis bedeutet somit eine teils erhebliche Beeinträchtigung im Alltag der Betroffenen und hat oft auch psychische Probleme wie Depressionen zur Folge.

Hohe indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeit

Abgesehen von dem individuellen Leidensdruck verursacht Neurodermitis enorme Kosten: Allein die Versorgung der Patient*innen mit entsprechenden Medikamenten kostet in Deutschland jährlich etwa 2,2 Milliarden Euro.3 Dabei sind indirekte Kosten aufgrund verminderter Produktivität oder Arbeitsunfähigkeit noch gar nicht inkludiert. Viele Patient*innen können ihre Arbeit oder bestimmte Tätigkeiten aufgrund der Erkrankung nur eingeschränkt oder überhaupt nicht ausüben. In den USA wird die Summe aus direkten und indirekten Kosten von atopischer Dermatitis grob auf mehr als fünf Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt.4 Diese Zahlen unterstreichen den auch aus volkswirtschaftlicher Sicht dringenden Handlungsbedarf.

Hoffnung durch zielgerichtete Therapien

Bei der Reduktion des Leidensdrucks von Betroffenen ist weiterhin viel Luft nach oben. Eine adäquate Therapie unter Anleitung von dermatologischen Fachärzt*innen ist entscheidend für den Verlauf und die Schwere der Krankheit. Aufgrund der teils lebenslangen Chronizität und der unterschiedlichen Verlaufsformen sind gerade erfahrene Dermatolog*innen sowie eine maßgeschneiderte, individuelle Herangehensweise gefragt.

Einen Hoffnungsschimmer machen jedenfalls die erfolgversprechenden Entwicklungen bei zielgerichteten Therapien, insbesondere die Zulassung von Dupilumab, des ersten Biologikums für Neurodermitis. Sie ermöglichen Erwachsenen mit mittelschwerer beziehungsweise schwerer Neurodermitis sowie Kindern ab sechs Jahren mit schwerer Neurodermitis, wieder am Alltag teilzunehmen und ein Leben mit deutlich besserer Lebensqualität zu führen. Wichtig ist, dass sich die Patient*innen die Therapien selbst verabreichen können, da auch das zur Verbesserung der Lebensqualität beiträgt.

Ein weiterer innovativer Ansatz ist die rasche Studienprogrammentwicklung mittels Computersimulation: Dank neuer digitaler Methoden kann mittels sogenannter virtueller Patient*innen die Entdeckung von neuen Behandlungsmethoden zum Wohle der Patient*innen um ein Vielfaches beschleunigt werden.

Schulungen für Selbstmanagement bei Kindern

Eine bedeutende Rolle spielt auch das Selbstmanagement der betroffenen Kinder mit schwerer Neurodermitis. Schulungen der jungen Patient*innen als auch ihrer Angehörigen zeigen nachweislich positive Auswirkungen auf die Lebensqualität, Symptome und den Umgang mit der Krankheit.5 Ein entsprechendes Angebot stellt daher eine sinnvolle Ergänzung zur Weiterentwicklung innovativer Therapien dar. Gleichzeitig braucht es Aufklärungsarbeit, um Vorurteile und Irrtümer im Zusammenhang mit Neurodermitis aus dem Weg zu räumen. Das beinhaltet auch, Bewusstsein zu schaffen dafür, dass Neurodermitis als Krankheit mit starkem Leidensdruck ernst genommen werden muss.


  1. Herd RM, Tidman MJ, Prescott RJ, et al. Prevalence of atopic dermatitis in the community: The Lothian atopic dermatitis study. Br J Dermatol 135:18-19, 1996; Muto T, Hsieh SD, Sakurai Y, et al. Prevalence of atopic dermatitis in Japanese adults. Br J Dermatol 148:117-121, 2003.
  2. Augustin, Matthias, Glaeske, Gerd, Hagenström, Kristina: Neurodermitisreport / Ergebnisse von Routinedaten-Analysen der Techniker Krankenkasse aus den Jahren 2016 bis 2019, online unter: https://www.tk.de/resource/blob/2099726/179615dc18521208dce8c3c1992e776a/neurodermitisreport-2021-langfassung-data.pdf, S. 14.
  3. Augustin, Matthias, Glaeske, Gerd, Hagenström, Kristina: Neurodermitisreport / Ergebnisse von Routinedaten-Analysen der Techniker Krankenkasse aus den Jahren 2016 bis 2019, online unter: https://www.tk.de/resource/blob/2099726/179615dc18521208dce8c3c1992e776a/neurodermitisreport-2021-langfassung-data.pdf, S. 79.
  4. Aaron M. Drucker, Annie R. Wang, Wen-Qing Li, Erika Sevetson, Julie K. Block, Abrar A. Qureshi, The Burden of Atopic Dermatitis: Summary of a Report for the National Eczema Association, Journal of Investigative Dermatology, Volume 137, Issue 1, 2017, Pages 26-30, online unter: https://doi.org/10.1016/j.jid.2016.07.012.
  5. Augustin, Matthias, Glaeske, Gerd, Hagenström, Kristina: Neurodermitisreport / Ergebnisse von Routinedaten-Analysen der Techniker Krankenkasse aus den Jahren 2016 bis 2019, online unter: https://www.tk.de/resource/blob/2099726/179615dc18521208dce8c3c1992e776a/neurodermitisreport-2021-langfassung-data.pdf, S. 96.

Juli 2021

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