Krebs: Die unaufhaltsame Wandlung zur chronischen Krankheit

Katharina Hauer
Katharina Hauer,
Country Medical Head Sanofi Genzyme & Country Medical Chair Österreich

Ein malignes Melanom wurde bei 17 von 100.000 Personen der Bevölkerung diagnostiziert. Infolge dieser Krebserkrankung starben mehr als 24 Prozent aller Patientinnen und Patienten. Aber in den letzten Jahren stiegen die Überlebensraten um mehr als 80 Prozent1. Dieser Erfolg ist zu einem Großteil auf moderne Immuntherapien zurückzuführen – diese gelten neben den zielgerichteten Therapien als bedeutsame Hoffnungsträger in der Onkologie.

Beide Therapieformen ermöglichen es, bislang unüberwindbare anatomische Grenzen zu sprengen. Während die Immuntherapie das körpereigene Immunsystem nutzt, um die Krebszellen zu zerstören, greifen zielgerichtete Therapien ganz bestimmte Eigenschaften der Krebszellen an und verhindern so, dass der Tumor weiterwächst. Dabei spielt das Verständnis der komplexen Tumorbiologie eine zentrale Rolle. Patientinnen und Patienten, die eine zielgerichtete Therapie erhalten, durchlaufen daher umfangreiche molekulare Untersuchungen des Tumorgewebes.


Große Anstrengungen bringen große Fortschritte

In den vergangenen Jahren hat die medizinische Krebsforschung rasant Geschwindigkeit aufgenommen; vor allem in der Behandlung von Brust-, Haut- und Lungenkrebs konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler signifikante Fortschritte erzielen. Allein in Österreich widmet sich fast die Hälfte aller klinischen Studien der Onkologie.2 In der Europäischen Union kommen pro Jahr etwa zehn neue Wirkstoffe gegen Krebs auf den Markt. Erst vor Kurzem hat die EU-Kommission ihren Krebsbekämpfungsplan mit einem Budget von vier Milliarden Euro präsentiert. In diesem nimmt auch die zielgerichtete beziehungsweise personalisierte Medizin einen hohen Stellenwert ein. Im Rahmen einer Partnerschaft für personalisierte Medizin sollen ab 2023 Prioritäten in diesem Bereich festgelegt und Forschungsprojekte zur Krebsprävention, -diagnose und -behandlung unterstützt werden. 3


Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten

Einen weiteren relevanten Treiber in der Krebsforschung stellt die Digitalisierung dar: Die Auswertung großer Datenmengen durch künstliche Intelligenz verschafft den behandelnden Ärztinnen und Ärzten mehr Wissen über ihre Patientinnen und Patienten und eröffnet neue Wege sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie. Vor allem bei der Tumorsequenzierung, der Entschlüsselung der DNA im Tumor, kann durch künstliche Intelligenz eine Fülle an Informationen verarbeitet und für die Vorhersage oder für personalisierte Medizin genutzt werden.


Höhere Überlebenschancen, bessere Lebensqualität

Die revolutionären Entwicklungen in der Onkologie haben für Betroffene eine enorme Bedeutung: Je höher die Investition in eine innovative Krebsversorgung ist, desto besser sind die Prognosen.4 Zielgerichtete Therapien und Immuntherapien führen zu einer besseren Lebensqualität und höheren Überlebenschancen – bei manchen Krebsarten sogar zur Heilung. Die zielgerichtete Therapie besticht darüber hinaus durch ihre – im Vergleich zur Chemotherapie – geringen Nebenwirkungen. Die klassische Chemotherapie hat damit aber nicht ausgedient. Sie kann in Verbindung mit der Immuntherapie positive Synergieeffekte erzielen. Therapieentscheidungen werden immer komplexer, wobei im Vergleich zu früher nicht mehr die Therapie, sondern die Patientin und der Patient im Mittelpunkt stehen.


Andere Herausforderungen für Studien

Der Fortschritt in der Onkologie erfordert allerdings neue Weichenstellungen. Aufgrund der Komplexität der Tumorbiologie und des immer besseren Verständnisses von Krebserkrankungen werden auch klinische Studien komplexer: Tumorentitäten werden in immer kleinere Subgruppen unterteilt, was sich wiederum in einer Reduktion der Teilnehmerzahl in Studien auswirkt. Diesen Umständen können die klassischen Studiendesigns nicht mehr gerecht werden. Es bedarf daher neuer Prozesse und neuer Trial-Designs. In Hinblick auf die Entwicklung innovativer Therapien ist es wichtig, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten. In dem Zusammenhang spielt selbstverständlich auch die Finanzierung eine große Rolle. In Österreich machen die Kosten für Krebsbehandlungen derzeit etwa 6,4 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aus. 5

Wir befinden uns in der Krebsversorgung auf einem guten Weg mit vielversprechenden Zukunftsaussichten. Es ist wichtig, dass wir die vorherrschende Innovationsbereitschaft und rege Forschungstätigkeit auch in Zukunft auf einem hohen Niveau halten, um Krebs von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung zu wandeln.

  1. Gemäß Inhalt von Statistik Austria: Die relativen Überlebensraten stiegen im Zeitraum von 2001-2005 bis 2016-2018 (einjähriges Überleben) von 91 % auf 93 % bzw. bis 2011-2015 (fünfjähriges Überleben) von 83 % auf 86 %.
  2. https://www.pharmig.at/media/2890/daten_und_fakten_2020_deutsch.pdf, S. 37.
  3. Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat Empty vom 3.2.2021: Europas Plan gegen den Krebs, COM (2021) 44 final, online unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52021DC0044&from=de.
  4. Pharmig Positionspapier 02/2020: Personalisierte Medizin in der Onkologie.
  5. https://www.pharmig.at/media/2890/daten_und_fakten_2020_deutsch.pdf, S. 67.