Medizin der Zukunft: Menschlichkeit versus Technologie?

Bettina T. Resl,
Country Head Public Affairs, Patient Advocacy & Communication


Medizin der Zukunft: Menschlichkeit versus Technologie?

Krankheitsdiagnosen per App, virtuelle Kliniken oder Krebsfrüherkennung durch künstliche Intelligenz (KI) – der technologische Fortschritt breitet sich in rasantem Tempo in jedem Bereich der Medizin aus. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, welche Rolle in Zukunft der Mensch in der Medizin spielen wird: Werden Roboter und Algorithmen Ärztinnen und Ärzte ersetzen? Oder wird der Mensch in einer digitalisierten Gesundheitsversorgung eine wichtige Funktion einnehmen, weil Menschlichkeit in der Medizin nicht ersetzt werden kann?

Entlastung des Gesundheitssystems

Unumstritten ist, dass der exponentielle technologische Fortschritt in der Medizin weder aufgehalten werden kann noch aufgehalten werden sollte. Denn die Errungenschaften tragen erheblich zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung bei, was dem Wohl der Patientinnen und Patienten dient und im Interesse der Gesellschaft ist. Die Verbesserungen betreffen sowohl die Qualität der medizinischen Versorgung als auch deren Verfügbarkeit. Angesichts der demografischen Entwicklung und einer alternden Ärzteschaft ist die Unterstützung der Medizin durch Technologien notwendig, um das stark beanspruchte Gesundheitssystem zu entlasten und die Versorgung sicherzustellen.

Medizinisches Wissen wächst exponentiell

Allein das weltweit verfügbare medizinische Wissen, das sich laut Schätzungen alle paar Monate verdoppelt , kann der menschliche Verstand alleine nicht mehr fassen. Der Einsatz von KI hingegen ermöglicht eine rasche und qualitätsvolle Analyse dieser gigantischen Datenmengen. Der Vergleich der Daten und die Erkennung von Mustern wiederum führen zu schnelleren und treffsichereren Diagnosen sowie zielgerichteten Therapien.


1 Densen, Peter: Challenges and opportunities facing medical education, in: Transactions of the American Clinical and Climatological Association, 2011, 122, S. 48–58.

KI macht personalisierte Medizin möglich

Die Verarbeitung von Big Data mithilfe von KI und maschinellem Lernen revolutioniert auch die Entwicklung von Medikamenten. Dadurch rückt die personalisierte Medizin, also individuell zugeschnittene Arzneimittel und Therapien, in greifbare Nähe. Die rasche und qualitätsvolle Datenverarbeitung durch KI optimiert darüber hinaus auch die Qualität und Wirksamkeit von Medikamenten, weil Neben- und Wechselwirkungen besser erfasst und analysiert werden können. In klinischen Studien bringen neue Technologien viele Vorteile sowohl für Ärztinnen und Ärzte als auch Patientinnen und Patienten: Simulationen am Rechner helfen bei der Auswahl der richtigen Parameter sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Durch virtuelles Monitoring wird die Anwesenheit der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer in der Klinik obsolet.


Mehr Eigenverantwortung durch Apps

Für Bürgerinnen und Bürger eröffnen die Technologien in der Medizin die Chance, ihre Gesundheitskompetenz zu stärken. Sie verschaffen einen multidimensionalen Zugang zur Gesundheitsversorgung und erleichtern das eigenverantwortliche Management von Krankheiten. Durch die Verwendung von Gesundheits-Apps kann man niederschwellig Daten und Informationen über seinen Gesundheitszustand erhalten und verarbeiten. Schon 2017 verwendete rund ein Fünftel aller Smartphone-Besitzerinnen und -Besitzer gesundheitsbezogene Apps.2

Doch hier liegt auch eine Gefahr: Um von den Vorteilen der Technologien in vollem Umfang profitieren zu können, bedarf es digitaler Kompetenzen, einer sogenannten Digital Literacy. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass Menschen, die die digitalen Möglichkeiten nicht nutzen wollen, eine gleichwertige Versorgung erhalten.


2Ernsting, C. (2017). Using Smartphones and Health Apps to Change and Manage Health Behaviors: A Population-Based Survey. Journal of Medical Internet Research, 19 (4), e101.

Mehr Zeit für Gespräche

Letztlich sollen die digitalen Möglichkeiten in der Medizin natürlich nicht bloß um ihrer selbst willen angewendet werden, sondern müssen dem Wohl der Patientinnen und Patienten dienen. Sie sollen dort zum Einsatz kommen, wo sie bessere Leistung erbringen als Menschen – das sind vorwiegend Routinetätigkeiten und Big Data. In diesen Bereichen entlasten die digitalen Möglichkeiten Ärztinnen und Ärzte sowie Mitglieder anderer Gesundheitsberufe und schaufeln dadurch Kapazitäten frei, die für den direkten menschlichen Kontakt genützt werden können und sollen. Dieser direkte menschliche Kontakt ist im digitalen Zeitalter notwendiger denn je: um zu erklären, Unsicherheiten zu nehmen – und um eine Brücke zwischen Patientinnen und Patienten und der Technologie zu schlagen. Auch die Entscheidungsmacht muss weiterhin beim Menschen bleiben. Nur der Mensch kann alle relevanten Informationen in einen Kontext setzen, alle Aspekte berücksichtigen und Zusammenhänge erkennen. In diesem Punkt ist er der Maschine überlegen. Die Rolle des Menschen respektive der Menschlichkeit wird deshalb durch Technologien nicht geschmälert, sondern – im Gegenteil – gestärkt und neu definiert. Es wird wieder mehr Zeit für den zwischenmenschlichen Kontakt und für Gespräche geben. Technologie und Menschlichkeit in der Medizin sind deshalb keine unüberwindbaren Gegensätze, sondern gleichwertige Erfordernisse in der Medizin der Gegenwart und Zukunft.