Arbeit und Krankheit managen

Anita Widmann
Anita Widmann,
Head of Human Resources

Andreas Punz
Andreas Punz,
Medical Head Oncology

Wie gehen Arbeitgeber*innen mit Krebs, psychischen oder anderen schweren Krankheiten ihrer Mitarbeiter*innen um? Wer darauf noch keine Antwort hat, sollte sich schleunigst Gedanken machen. Immerhin erhalten in der EU jährlich circa 2,7 Millionen Menschen die Diagnose Krebs. Und auch psychische Probleme sind auf dem Vormarsch: Einer von neun Erwachsenen hat damit zu kämpfen.1

Menschen, die arbeiten wollen

Laut Eurostat klagen mehr als ein Drittel aller Erwachsenen über ein langjähriges Gesundheitsproblem.2 Dabei handelt es sich jedoch keineswegs nur um ältere Personen in Pension. Betroffen sind auch Menschen, die mitten im Erwerbsleben stehen und sowohl arbeiten wollen als auch können.

Im ersten Jahr nach Einführung der Wiedereingliederungsteilzeit in Österreich beantragten rund 3.000 Menschen nach längerer Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Krankheit, wieder in den Beruf zurückzukehren.3 Unternehmen sollten sich daher verstärkt darauf einstellen, erkrankte Mitarbeiter*innen zu unterstützen und in den Arbeitsprozess zu integrieren, sofern diese wieder gesund sind und das auch wünschen. Herausfordernd ist das allemal – aber auch lohnend.

Die besten Leute halten

Mitarbeiter*innen mit einer chronischen Erkrankung abzuschreiben, wäre in hingegen ein großer Fehler. Ungeachtet der gesetzlichen Fürsorgepflicht von Arbeitgeber*innen sind Arbeitnehmer*innen die wertvollste Ressource eines Unternehmens. Als solche verdienen sie nicht nur einen respektvollen und wertschätzenden Umgang. Arbeitgeber*innen müssen angesichts des Fachkräftemangels und des Kampfs um Talente auch alles dafür tun, um gute Mitarbeiter*innen langfristig zu halten. Konkret bedeutet das, die Arbeitnehmer*innen in ihren individuellen Lebenssituationen abzuholen und zu unterstützen. Das kann bei einem Sabbatical, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder eben bei der Bewältigung einer längeren Krankheit sein.

Besonders sensible Führungskräfte

Ein Patentrezept oder eine One-size-fits-all-Lösung gibt es hier jedoch nicht. So individuell eine Krankheit, die Persönlichkeit und die Position der/des Betroffenen sind, so individuell muss auch die Arbeitssituation im Fall einer längeren oder chronischen Erkrankung gestaltet werden. Die Hauptaufgabe von Führungskräften ist dabei, den Betroffenen Verständnis entgegenzubringen, Zeit zu geben, Druck fernzuhalten und berufliche Ängste – wie etwa die Sorge um einen Jobverlust oder einen Karriererückschritt – zu nehmen.

Ist die/der Mitarbeiter*in wieder gesund und möchte wieder arbeiten, gilt es ebenfalls, jeglichen Druck durch Arbeitgeber*innen zu vermeiden und sensibel auf die Wünsche und Vorstellungen zu reagieren. Beim Wiedereingliederungsprozess sollte es emotionale Unterstützung geben, soweit die Betroffenen eine solche benötigen. Häufig tritt in dem Zusammenhang etwa die Angst vor einer Stigmatisierung auf.

Spannungsfeld für Manager*innen

Neben dem besonderen Umgang mit den Betroffenen müssen Führungskräfte auch das restliche Team durch die neue Situation führen, wobei die Zukunft zum Teil nur schwer planbar ist. Darüber hinaus müssen sie dafür sorgen, dass der personelle Ausfall abgefedert wird. Ohne entsprechende Kommunikation und Transparenz wird das kaum befriedigend möglich sein. Doch auch hier gilt, dass Diskretion und die Wünsche der/s Betroffenen oberste Priorität haben. Dieses Spannungsfeld verlangt ein hohes Maß an Sensibilität, Empathie und Fingerspitzengefühl. Es ist wichtig, dass Unternehmen ihre Führungskräfte dahingehend mit spezifischen Workshops und Coachings unterstützen.

Medizinische Innovationen erleichtern beruflichen Wiedereinstieg

Eine unabdingbare Voraussetzung, um überhaupt über eine Rückkehr in den Beruf nachzudenken, ist, dass sich die Betroffenen gesund, stark und arbeitsfähig fühlen. Die Chancen, nach beziehungsweise trotz langer Krankheit wieder zu arbeiten, sind durch innovative Therapien deutlich gestiegen. Am Beispiel der Krebstherapie lässt sich das besonders gut demonstrieren: Früher setzte die Chemotherapie durch den Angriff auf das gesamte System und die dadurch bedingten Nebenwirkungen die Patient*innen oft mehrere Monate lang außer Gefecht. Heute kommen vermehrt Therapien zum Einsatz, die gezielt in die Vorgänge der Krebszellen eingreifen. Diese sogenannten zielgerichteten Therapien führen zu einer deutlich besseren Prognose der Erkrankung, steigern die Lebensqualität der Patient*innen und erleichtern ihnen, ihren Zustand und Alltag zu kontrollieren. Das wiederum ist Voraussetzung, um in den Arbeitsprozess wieder einzusteigen.

Prävention im Interesse des Unternehmens

Das Thema Krankheit und Arbeit lässt sich für Unternehmen jedoch nicht nur über die Wiedereingliederung managen. Ein ebenso wichtiger Zugang ist die Prävention von vermeidbaren Krankheiten. Auch auf diesem Gebiet gab es in den vergangenen Jahren rasante Entwicklungen. Bei vielen Krankheiten können Frühdiagnosen den Verlauf und die Schwere deutlich positiv beeinflussen. Unternehmen sollten deshalb ein besonderes Interesse daran haben, Bewusstsein für das Thema und dementsprechende Angebote zu schaffen. Die Förderung der psychischen Gesundheit nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein.

Fazit

Angesichts der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung wird die Gesundheit von Mitarbeiter*innen in Zukunft eine wachsende Bedeutung für Unternehmen bekommen. Eine Unternehmenspolitik, die das Thema in die Unternehmenskultur aufnimmt, ernst nimmt und aktiv adressiert, bringt eine Win-win-Situation auf Unternehmer- und Arbeitnehmerseite.


  1. OECD/European Union (2020), Health at a Glance: Europe 2020: State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/82129230-en.
  2. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Self-perceived_health_statistics#Self-perceived_health.
  3. Bundesministerium für Arbeit, Familie und Jugend: Evaluierung Wiedereingliederungsteilzeit, August 2020.

Juli 2021

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Startkachel: Wavebreakmedia/Getty Images
Porträts: Katharina Schiffl