Gewalt gegen Frauen: Warum Unternehmen aktiv werden müssen

Wolfgang Kaps
Wolfgang Kaps,
General Manager Sanofi Österreich & Schweiz

Eine von drei Frauen in der EU hat bereits physische und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Jede zweite Frau wurde sexuell belästigt. Diese und weitere schockierende Zahlen findet man auf der Website des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen. Gewalt gegen Frauen ist also auch im 21. Jahrhundert in der westlichen Welt real. Das Thema gehört deshalb nicht nur auf die politische Agenda. Unternehmen müssen und können etwas dafür tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen.

Schnelle Reaktionen auf Social Media

Viele Konzerne setzen Statements, ändern ihre Profilbilder anlässlich von tragischen Ereignissen und posten Beiträge, in denen sie Gewalt gegen Frauen verurteilen. Das ist wichtig, aber bei Weitem nicht genug. Diese punktuellen Einzelmaßnahmen reichen nicht aus, um das Problem an der Wurzel zu packen und nachhaltig zu lösen. Vielmehr braucht es einen gemeinsamen Kraftakt der Wirtschaft.

Warum Gleichbehandlung entscheidend ist

Doch wo sollen und können wir als Unternehmen ansetzen? Die Antwort lautet: bei der Gleichbehandlung. Denn die geschlechtsspezifische Ungleichbehandlung von Männern und Frauen ist sowohl Ursache als auch Folge von Gewalt gegen Frauen. Nun könnte man meinen, dass Gleichbehandlung in europäischen Betrieben ohnehin außer Diskussion steht. Stellenausschreibungen sind geschlechtsneutral formuliert, unzählige Unternehmen bezeichnen sich als „familienfreundlich“ und versprechen gleiche Aufstiegschancen für Männer und Frauen.

Drei Ansätze für echte Gleichbehandlung im Unternehmen

So einfach ist es jedoch nicht. Echte Gleichbehandlung im Unternehmen erfordert harte Arbeit an unbewussten Vorurteilen, einen wertschätzenden zwischenmenschlichen Umgang und eine konsequente Gleichberechtigung in allen Arbeitsbereichen, -prozessen und -strukturen.

  1. Unbewusste Vorurteile: Unbewusste Vorurteile färben unser Mindset, unser Verhalten und unsere Sprache stärker, als wir denken. Da wir uns über sie oft nicht im Klaren sind, ist es dementsprechend schwierig, sie zu beseitigen. Daher braucht es Achtsamkeit und einen regelmäßigen, selbstkritischen Blick auf die eigenen Werte und Einstellungen. Mir hat hier der Implicit Association Test von Harvard einige hilfreiche, neue Erkenntnisse gebracht.
  2. Umgang mit Mitarbeiter*innen: Die Basis für Gleichbehandlung ist ein wertschätzender Umgang mit allen Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts, Alters, ihrer sexuellen oder religiösen Orientierung oder ihrer Herkunft. Für mich bedeutet Gleichbehandlung nicht, alle Menschen gleich, sondern jedes Individuum seinen Bedürfnissen entsprechend zu behandeln. Keine einfache Aufgabe für Unternehmen, aber es zahlt sich aus. Nur wenn wir Mitarbeiter*innen in ihren jeweiligen Lebenssituationen abholen, können sie auch ihr gesamtes Potenzial einbringen und entfalten.
  3. Konsequente Gleichberechtigung: Ein Posting zum Equal Pay Day hier, eine Aussendung zum Weltfrauentag da – öffentliche Statements von Unternehmen sind wichtig. Ernst nehmen kann man sie aber nur, wenn sie authentisch und keine reinen Lippenbekenntnisse sind. Wenn man Gleichbehandlung im Unternehmen umsetzen möchte, dann muss sich das durch alle Ebenen, Prozesse und Bereiche ziehen. Man muss Gleichberechtigung konsequent von allen Blickwinkeln aus denken. Es reicht etwa nicht, eine Stellenausschreibung geschlechtsneutral zu definieren. Wenn man wirklich alle Geschlechter ansprechen will, muss man sich überlegen, wie unterschiedlich Männer, Frauen und intersexuelle Personen Formulierungen interpretieren. Man muss sich überlegen, wie die Rahmenbedingungen aussehen müssen, damit jemand mit betreuungspflichtigen Kindern den Beruf überhaupt ausüben kann. Für Sanofi bedeutet Gleichberechtigung auch, sich für die Repräsentanz aller Geschlechter bei klinischen Studien einzusetzen.
Gleiche Rechte müssen außer Diskussion stehen

Dabei sollten Gleichberechtigung und -behandlung nicht aufgrund gesetzlicher Vorgaben, sondern aus einer Überzeugung und Selbstverständlichkeit heraus passieren. Damit will ich nicht sagen, dass gesetzliche Regeln keinen Sinn machen, im Gegenteil. Oft braucht es sie für die Breitenwirkung. Grundlegender und vor allem nachhaltiger ist jedoch ein selbstverständliches Mindset, dass alle Menschen gleichwertig sind, unabhängig von ihrem Geschlecht.

Dass wir in Europa von diesem Mindset noch weit entfernt sind, zeigt schon die Tatsache, dass wir über Geschlechtergleichheit überhaupt diskutieren müssen. Noch immer werden Menschen in unserer Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt, diskriminiert und sogar getötet.

Es ist in unserer gemeinsamen Verantwortung, solchen menschenverachtenden Handlungen und Zuständen Einhalt zu gebieten und Stellung zu beziehen. Ich bin überzeugt, dass ein geschlossener, starker Auftritt europäischer Unternehmen gegen Ungleichbehandlung und gegen Gewalt gegen Frauen Wirkung hat und etwas bewegen kann.


August 2021

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Porträt: Stephanie Starz
Startkachel: dragana991/Getty Images